Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg
Kurz zusammengefasst: Ein Buch, das Familiengeschichte, Kriminalroman und Rechtsgeschichte verbindet – und zeigt, wie aus einer einzigen Stadt die beiden zentralen Begriffe des Völkerstrafrechts hervorgingen: „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“. Ich habe es auf Empfehlung einer Buchhändlerin von Pustet Augsburg gelesen und kann es nur weitergeben.
Als der britisch-französische Völkerrechtler Philippe Sands eine Einladung zu einem Vortrag in Lwiw – dem früheren Lemberg – erhält, beginnt für ihn eine Spurensuche. Sein Großvater Leon Buchholz stammte aus dieser Stadt, sprach aber zeitlebens kaum über seine Herkunft. Was Sands nach und nach herausfindet, ist weit mehr als eine Familiengeschichte.
Das Buch folgt vier Lebenswegen, die sich in Lemberg kreuzen:
- Leon Buchholz, Sands’ Großvater, der über Wien nach Paris flieht, während fast seine gesamte Familie ermordet wird.
- Hersch Lauterpacht, der in Lemberg Jura studiert und später in Cambridge den Begriff „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ prägt – den Schutz des einzelnen Menschen.
- Raphael Lemkin, ebenfalls Jurist mit Lemberger Wurzeln, der den Begriff „Genozid“ erfindet – den Schutz ganzer Gruppen.
- Hans Frank, Generalgouverneur im besetzten Polen und damit verantwortlich für den Massenmord in der Region, auch an den Familien von Lauterpacht und Buchholz.
In Nürnberg 1946 laufen alle Fäden zusammen: Frank sitzt auf der Anklagebank, die Ideen von Lauterpacht und Lemkin prägen die Anklage – zwei Männer, die beide nicht wussten, wie eng ihre Lebenswege miteinander verbunden waren.
Besonders bewegt haben mich die Begegnungen mit den Söhnen der Täter: Niklas Frank, der mit seinem Vater schonungslos ins Gericht geht, und Horst von Wächter, der seinen Vater – den NS-Gouverneur von Galizien – bis heute zu entlasten versucht. Hier zeigt sich, wie unterschiedlich Menschen mit der Schuld ihrer Familie umgehen.
Was mich an diesem Buch fasziniert: Sands schreibt so spannend, dass man es kaum aus der Hand legen kann – und gleichzeitig wird deutlich, dass die Grundlagen unseres heutigen Völkerrechts aus persönlichem Leid und großem Mut entstanden sind. Gerade in einer Zeit, in der Menschenrechte weltweit wieder unter Druck geraten, ist das eine wichtige Erinnerung.
Ein persönliches Wort zu Pustet
Die Empfehlung für dieses Buch verdanke ich einer Buchhändlerin von Pustet Augsburg – genau diese Art von Beratung macht eine gute Buchhandlung aus. Leider schließt die Filiale Ende Januar, und damit endet die Geschichte von Pustet in Augsburg. Mit ihr verschwindet ein wertvoller Ort mit tollen Mitarbeitenden. Ich lade alle herzlich ein, die verbleibenden Wochen noch zu nutzen – vorbeizuschauen, sich beraten zu lassen und dort einzukaufen.
Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. S. Fischer Verlag.
Hinweis: Bei der Recherche und Formulierung dieses Beitrags hat mich eine KI unterstützt.