
Beim Kammerfachtag der Steuerberaterkammer München am 23. Oktober 2026 habe ich Anne Brorhilker gehört – die frühere Kölner Oberstaatsanwältin, die den Cum-Ex-Skandal aufgeklärt hat. Ihre Botschaft: Steuerhinterziehung kostet Deutschland geschätzt über 100 Milliarden Euro im Jahr, doch die Behörden sind für die Großen schlecht aufgestellt. Ihre Forderungen sind klar – mehr Personal, Spezialisten, eine zentrale Stelle auf Bundesebene, moderne IT und weniger Raum für schädlichen Lobbyismus. Ich finde: Steuergerechtigkeit ist eine Frage des Vertrauens in unseren Rechtsstaat.
Am Nachmittag des Kammerfachtags stand Anne Brorhilker am Rednerpult. Ihr Thema: „Kapitalertragsteuer im Fadenkreuz – professionell organisierte Steuerhinterziehung“. Ich hatte mich lange darauf gefreut – und wurde nicht enttäuscht. Ich habe zugehört, mitgeschrieben und viele Folien fotografiert.
Was Steuerhinterziehung kostet
Zunächst die Größenordnung. Im Hellfeld gibt es – anders als bei der Polizeilichen Kriminalstatistik – nicht einmal Daten über Fallzahlen. Das vorläufige Mehrergebnis der Steuerfahndung lag 2024 bei 2,6 Milliarden Euro. Das Dunkelfeld schätzt man auf das Zehnfache: Insgesamt gehen dem Staat geschätzt über 100 Milliarden Euro pro Jahr durch Steuerhinterziehung verloren.
Cum-Ex: kein Schlupfloch, sondern ein Geschäftsmodell
Bei den sogenannten „Tax Trades“ wurden Aktien rund um den Dividendenstichtag im Kreis gehandelt. Alle Beteiligten hatten das vorab abgestimmt. Der Gewinn stammte allein aus dem Steuerschaden – also aus unserem gemeinsamen Geld. Das war in der Praxis weit verbreitet, eine regelrechte „Industrie“. Der Schaden wird auf etwa 30 Milliarden Euro geschätzt.
Wie die Aufklärung gelang
Die Staatsanwaltschaft Köln durchsuchte 2014 weltweit zeitgleich in 14 Ländern – mit rund 280 Beschlüssen. Es folgten die Auswertung von Unterlagen und Mails, Zeugenvernehmungen, weitere Verfahren und Datenankäufe durch NRW. Von 2017 bis 2019 wurden mehrere Kronzeugen monatelang vernommen. Das erste Cum-Ex-Strafurteil fiel am 18. März 2020 vor dem Landgericht Bonn; der Bundesgerichtshof bestätigte es 2021. 2022 entschied auch der Bundesfinanzhof.
Eine Anekdote ist mir besonders im Kopf geblieben: Die größte Hürde war ihr Drucker. 280 Beschlüsse mit je rund 50 Seiten – das schaffte das kleine Gerät nicht. Mit dieser Ausstattung hat sie Menschen überführt, die mit den teuersten Anwälten arbeiteten.
Die Bilanz nach rund 16 Jahren Ermittlungen: bisher 25 Verurteilungen und 3,1 Milliarden Euro zurückgeholt. Gemessen am Schaden ist das wenig.
„Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen“
Diesen Satz kennen viele als Stammtischweisheit. Anne Brorhilker belegt ihn mit Forschung: Nur in jedem 20. Wirtschaftsstrafverfahren kommt es zur Anklage. Die Gründe liegen in den Behörden – Personalnot und hohe Fluktuation, mangelnde technische Ausstattung, langwierige internationale Rechtshilfe, Datenschutzwirrwarr, Statistikdruck, zu wenig praxisnahe Schulungen und viel Gegenwind durch Konfliktverteidigung. Das Ergebnis ist eine falsche Schwerpunktsetzung.
Dazu kommt die Macht der Finanzlobby. 456 Lobbyistinnen und Lobbyisten stehen 42 Abgeordneten im Finanzausschuss des Bundestags gegenüber. Allein der größte Verband gibt über 15 Millionen Euro im Jahr für Lobbyarbeit aus – Finanzwende rund 130.000 Euro. Typisch ist auch die Sprache: Aus Betrug wird eine „Gesetzeslücke“ oder ein „cleverer Steuertrick“, aus Strafverfolgung eine „Kriminalisierung“.
Was sich ändern muss
Anne Brorhilker will das Entdeckungsrisiko erhöhen:
- mehr Personal im operativen Bereich
- Spezialistinnen und Spezialisten ausbilden – das senkt die Fluktuation
- Kräfte bündeln in einer zentralen Stelle auf Bundesebene und Behörden aktiv vernetzen
- eine moderne, einheitliche IT-Infrastruktur
- Kontrollinstrumente nicht unter dem Deckmantel von „Bürokratieabbau“ abschaffen
Und sie will schädlichen Lobbyismus zurückdrängen – mit schärferen Transparenz- und Lobbyregistern, Transparenzhinweisen bei Fachaufsätzen und Gutachten sowie offengelegten Nebenverdiensten, gerade an den obersten Bundesgerichten.
Warum mich das bewegt
Anne Brorhilker ist ihren Weg konsequent gegangen – gegen Widerstände, mit dürftiger Ausstattung, ohne aufzugeben. 2024 hat sie den Staatsdienst verlassen. Heute ist sie Vorständin der Bürgerbewegung Finanzwende und setzt ihren Kampf dort fort. Mehr als 23.000 Menschen unterstützen den Verein als Fördermitglieder.
Für mich ist klar: Wer ehrlich Steuern zahlt, darf nicht der Dumme sein. Steuerbetrug in Milliardenhöhe verursacht nicht nur Löcher im Haushalt – er benachteiligt ehrliche Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen und gefährdet das Vertrauen in unseren Rechtsstaat. Das Geld fehlt bei Schulen, Kitas und Infrastruktur. Deshalb unterstütze ich die Forderungen nach einer starken, gut ausgestatteten Strafverfolgung.
Meine Empfehlung zum Weiterhören
Wer tiefer einsteigen möchte, dem empfehle ich den ZEIT-Podcast „Alles gesagt?“ mit Anne Brorhilker vom 13. November 2025. In über sechs Stunden – der Gast bestimmt, wann das Gespräch endet – erzählt sie ausführlich von den Ermittlungen, ihrer Arbeitsweise, den Widerständen und auch von ihren Gefühlen. Ich habe jede Minute gehört – es lohnt sich.
Mehr zur Arbeit der Bürgerbewegung Finanzwende: www.finanzwende.de