Bildung darf keine Frage des Geldbeutels sein

Veröffentlicht am 02.06.2026 in Allgemein

Es gibt politische Nachrichten, die ich lese, kurz nicke und weitergehe. Und es gibt welche, die mich nicht loslassen. Die BAföG-Debatte der vergangenen Wochen gehört zur zweiten Kategorie.

Wissenschaftsministerin Dorothee Bär hat die bereits im Koalitionsvertrag vereinbarte BAföG-Reform vom Tisch gefegt – mit dem Argument, Studierende seien ohnehin „privilegiert", es gebe keine Studiengebühren, und wer nebenbei jobbt, sammle schließlich wertvolle Lebenserfahrung. Fraktionschef Jens Spahn hatte den Weg dafür geebnet, indem er eine Erhöhung grundsätzlich ablehnte.

Ich frage mich seitdem: Was für ein Bild von jungen Menschen liegt eigentlich hinter diesen Aussagen?

Was ich aus meiner eigenen Erfahrung weiß

Als Niederlassungsleiter verantworte ich eine Niederlassung mit 77 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich erlebe täglich, was Bildungswege und soziale Herkunft mit Lebensläufen machen. Ich begegne Menschen, die mit enormem Ehrgeiz und Talent ins Berufsleben starten – und anderen, denen früh die Luft ausgeht, weil der Alltag schlicht zu viel kostet.

In meiner Arbeit mit dem Freiwilligen-Zentrum und der ArGe Stadtbergen sehe ich außerdem, wie stark das lokale Gefüge von Bildungsgerechtigkeit abhängt. Engagierte junge Menschen, die studieren, die sich einbringen, die Verantwortung übernehmen – das ist kein Selbstläufer. Es braucht Rahmenbedingungen, die das ermöglichen.

Wer sagt, Jobben sei doch kein Drama, sollte sich fragen: Wer kann noch konzentriert Seminar vorbreiten, wenn er abends um 22 Uhr die Schicht im Supermarkt beendet?

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Das BAföG sollte einmal ein Instrument der Bildungsgerechtigkeit sein – ein Versprechen, dass Herkunft nicht über Zukunft entscheidet. Dieses Versprechen löst es schon lange nicht mehr vollständig ein. Und statt es zu erneuern, wird es weiter ausgehöhlt.

Das Argument mit dem Jobben

Ich will das Argument nicht pauschal verwerfen. Ja, Berufserfahrung neben dem Studium kann wertvoll sein. Ich selbst habe als junger Mensch gearbeitet und dabei viel gelernt. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen wählen, neben dem Studium zu arbeiten, und müssen.

Wer aus finanzieller Not heraus 20 Stunden pro Woche arbeitet, um die Miete zu zahlen, hat weniger Zeit für Bibliothek, Tutorien, Auslandsaufenthalte, ehrenamtliches Engagement – all das, was ein Studium erst wirklich reich macht. Das ist keine Frage der Disziplin. Das ist eine Frage der Strukturen.

Und noch etwas: Wenn ich als Arbeitgeber qualifizierte Fachkräfte von morgen brauche – und das tue ich –, dann habe ich ein ureigenes Interesse daran, dass diese Menschen gut ausgebildet, mental gesund und wirklich konzentriert studieren konnten. Ein Vollkaskostudium, wie Bär es spöttisch nennt? Nein. Aber ein Fundament, das Konzentration ermöglicht? Ja, das wäre ich bereit zu fordern.

Was mich an dieser Debatte am meisten bewegt

Es ist nicht nur die inhaltliche Entscheidung. Es ist die Sprache dahinter. Wer Studierende als „privilegiert" bezeichnet, weil es keine Studiengebühren gibt, setzt eine sehr niedrige Messlatte für staatliche Verantwortung. Keine Gebühren zu erheben ist kein Akt der Großzügigkeit – das ist eine Grundentscheidung für ein offenes Bildungssystem.

Was mich wirklich antreibt, ist die Frage nach dem Gesellschaftsbild. Wollen wir eine Gesellschaft, in der Talent und Fleiß entscheiden? Oder eine, in der immer mehr Lebensbereiche – Wohnen, Gesundheit, Bildung – vom Einkommen der Eltern abhängen? Ich weiß, für welche Antwort ich stehe.

Bildung ist das stärkste Mittel gegen Ungleichheit, das eine Gesellschaft hat. Wer daran spart, spart an der falschen Stelle.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir eine ehrliche politische Debatte – ohne Schlagworte und ohne das Herunterreden von Lebensrealitäten. Ich wünsche mir Politikerinnen und Politiker, die für die Menschen kämpfen, für die sie zuständig sind – auch wenn das unbequem ist. Bettina Martin, Landeskulturministerin in Mecklenburg-Vorpommern und SPD-Kollegin, hat das klar gesagt: „Ich würde mir von ihr wünschen, dass sie für die Studierenden kämpft."

Dem schließe ich mich an.

Und ich wünsche mir junge Menschen, die erleben, dass der Staat zu ihnen steht. Die nicht das Gefühl haben, dass Bildung ein Privileg derer ist, deren Eltern es sich leisten können. Denn wenn dieses Gefühl sich festsetzt, verlieren wir etwas Grundlegendes – als Gesellschaft und als Demokratie.

 
 

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