Offener Brief an den Bundeskanzler zur Debatte über Arbeitszeit und Teilzeit

Veröffentlicht am 31.01.2026 in Allgemein

Die aktuelle Debatte über längere Arbeitszeiten greift aus meiner Sicht zu kurz und verkennt die Realität vieler engagierter Beschäftigter. In einem offenen Brief mache ich deutlich, dass viele Menschen bereits heute über ihre reguläre Arbeitszeit hinaus Verantwortung übernehmen – nicht aus Zwang, sondern aus innerem Anspruch. Statt pauschal „mehr Arbeit“ zu fordern oder Teilzeit in Frage zu stellen, plädiere ich für attraktivere Arbeitsbedingungen, mehr Vertrauen und echte Motivation. Ich schreibe diesen Brief, weil wirtschaftlicher Erfolg nicht durch mehr Stunden entsteht, sondern durch gute Ideen, Innovation und eine Arbeitskultur, in der Menschen gerne und überzeugt ihren Beitrag leisten.

Sehr geehrter Herr Friedrich Merz,

Ihre Forderung nach „mehr Arbeit“ hat bei mir nicht nur Stirnrunzeln, sondern echten Unmut ausgelöst.

Ich arbeite in einer verantwortungsvollen Position mit Vertrauensarbeitszeit und einer offiziellen Wochenarbeitszeit von 43 Stunden. In der Realität zählt nicht die Stechuhr, sondern das Ergebnis. Und wer Verantwortung trägt, weiß: Ziele lassen sich oft nur erreichen, wenn man über die formale Arbeitszeit hinausgeht. Viele Menschen leisten das längst – still, selbstverständlich und ohne große Debatte.

Deshalb empfinde ich pauschale Appelle, die arbeitende Bevölkerung müsse einfach mehr Stunden leisten, als falsches Signal. Es wird der Eindruck erweckt, als liege das Kernproblem unseres Landes bei den Beschäftigten. Diese Sichtweise wird der Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht gerecht.

Besonders kritisch sehe ich Überlegungen, Teilzeit zurückzudrängen. Teilzeit ist für viele kein Rückzug aus der Verantwortung, sondern eine bewusste Entscheidung für Vereinbarkeit von Beruf und Familie, für Pflege von Angehörigen, für ehrenamtliches Engagement oder schlicht für die eigene Gesundheit. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass Menschen Verantwortung nicht nur im Job, sondern auch darüber hinaus übernehmen.

Was wir brauchen, ist keine Misstrauensdebatte, sondern eine Motivationsdebatte.

Innovation entsteht nicht durch längere Anwesenheit, sondern durch gute Ideen, kluge Organisation und attraktive Arbeitsbedingungen. Unternehmen sind gefordert, Arbeit so zu gestalten, dass Menschen gerne kommen, sich einbringen wollen und Sinn in ihrer Tätigkeit sehen.

Wo Wertschätzung gelebt wird, wo Entwicklung möglich ist und wo Vertrauen herrscht, entsteht Leistungsbereitschaft ganz von selbst. Menschen arbeiten dann nicht mehr, weil sie müssen, sondern weil sie wollen.

Eine zukunftsfähige Wirtschaftspolitik sollte daher fragen:
Wie schaffen wir gute Arbeit?
Wie fördern wir Motivation und Kreativität?
Und wie ermöglichen wir es den Menschen, ihre Fähigkeiten bestmöglich einzubringen?

Die Antwort kann nicht allein „mehr Stunden“ heißen. Sie muss „bessere Bedingungen“ heißen.

Lassen Sie uns die arbeitenden Menschen nicht zum Problem erklären, sondern als Teil der Lösung ernst nehmen. Fortschritt entsteht dort, wo Politik, Wirtschaft und Beschäftigte gemeinsam Verantwortung tragen und einander vertrauen.

Mit freundlichen Grüßen

Roland Mair

 
 

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